Geschichte

Gründung der AWO  (1919)

Auch wenn wir die Zeit nach dem ersten Weltkrieg (1914-1918) und die wilden Zwanziger nur noch aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern kennen, bleibt sie uns fern. Denn 1919 war ein unsicheres und revolutionäres Jahr, aber auch ein hoffnungsvolles. In Deutschland fanden die ersten allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen für die Nationalversammlung statt. Gleichzeitig erschütterten Generalstreiks, Verhängung des Ausnahmezustandes und blutige Auseinandersetzungen die wenige Wochen alte Republik. Die damaligen Schlagzeilen lauteten: Mangelernährung, Wohnungsnot, Massenerkrankungen, Arbeitslosigkeit. Die Menschen hungerten und froren und die Mark besaß nur noch 20 Pfennig ihres Vorkriegswertes.

Dies war die Zeit, in der die Arbeiterwohlfahrt (AWO) gegründet wurde. Praktische Hilfe war gefordert und es gab viel zu tun. Die Not musste an allen Ecken gelindert werden. Dies sah auch MARIE JUCHACZ, Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Partei (SPD). Und am 13.12.1919 erlangte sie die Zustimmung des Hauptausschusses der SPD zur Gründung der AWO. Die Prinzipien, die der Arbeit der AWO zu Grunde liegen, gingen von der Reform der gesamten Wohlfahrtspflege und einem kontinuierlichen Aufbau eines funktionierenden Wohlfahrtsstaates aus. Die ersten Jahre der neuen Republik konnten nur ansatzweise deutlich machen, wie ein künftiger Sozialstaat aussehen könnte. Unzählige Ehrenamtliche in den AWO-Ortsvereinen – überwiegend Frauen – konnten in der Praxis nichts anderes tun, als die Not vor Ort zu lindern und den Menschen ein Überleben zu sichern. Notstandsküchen und Werkstätten für Erwerbslose und Behinderte wurden eingerichtet, Nahrungsmittel und Kleidung verteilt. Es entstanden Nähstuben als Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen für Bedürftige. Im Jahre 1931 gab es bereits 135.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer der AWO. Damals wurden die Grundsteine gelegt, die auf einen modernen Sozialstaat zielten und den wir heute als selbstverständlich erachten.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahre 1933 wurde die AWO zerschlagen, ihr Vermögen und ihre Einrichtungen beschlagnahmt und führende Frauen und Männer der Verfolgung und Repressalien ausgesetzt.

Neuer Anfang (1945/1946)

Die Gemeinde Allendorf hatte bis kurz vor dem zweiten Weltkrieg (1939-1945) rd. 1.600 Einwohner, die meist in der Landwirtschaft und im Handwerk tätig waren. Durch den Ausbau der beiden Munitionswerke ab 1938 erfuhr Allendorf einen enormen Zuwachs mit einer Belegschaftsstärke bis weit über 20.000 Beschäftigten, überwiegend Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Im März 1945 wurde die Produktion eingestellt. Nach dem Ende des Krieges begannen die Demontagearbeiten. Die verlassenen Wohnbaracken wurden von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, von Ausgebombten und Evakuierten bezogen. Für sie mussten Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden.

Gründung AWO-Ortsverein Stadtallendorf (1947)

Verbot und Verfolgung, Krieg und Zerstörung konnten die Ziele der AWO nicht zerstören. Im Saal der Bahnhofswirtschaft in Allendorf gründeten 70 Frauen und Männer im November 1947 den AWO-Ortsverein. Sie kümmerten sich um Evakuierte und Heimkehrer, Vertriebene und Flüchtlinge, Ältere und Einsame; um Menschen, die ihre Heimat und Familienangehörigen verloren hatten. Eine Zahl ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer nahm die Arbeit auf, oft ganz allein auf sich gestellt, ohne staatliche Anweisung und selbst kaum mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Und immer das Bewusstsein einer Mitverantwortung für Bedürftige und Schwächere vor Augen.

Die damalige Situation beschreibt Ruth Krebs, Ehrenvorsitzende des AWO-Ortsvereins: „Als wir hier begannen, gab es gar nichts. Wir hatten keine vereinseigene Räume. So spielte sich alles in den Wohnungen der Familien Krebs und Martin ab, wo in zwei Zimmern sowieso 5 bis 7 Familienmitglieder lebten.